Dr. Matthias Reinschmidt

Papageien, Tiere und ein Biologe

  
Bei  der Haltung von Sittichen und Papageien kommt der Beschäftigung der Vögel eine außerordentlich wichtige Rolle zu. Zunächst sollte man sich dazu die Situation der Tiere im Freiland einmal näher betrachten. Papageien haben einen festen Tagesrhythmus, nach dem sie sich auch im Freiland richten. So wird nach dem Erwachen erst einmal ausgiebig das Gefieder geputzt, bevor sich die Papageien dann auf Nahrungssuche begeben. Gegen Mittag tritt eine mehrstündige Ruhephase ein  und danach starten die Tiere dann am Nachmittag zum zweiten Mal um erneut zu fressen. Kurz vor Sonnenuntergang werden die Schlafplätze aufgesucht.
 
Betrachtet man sich diesen Tagesablauf einmal etwas näher, wird deutlich, dass es zwei Hauptaktivitätszeiten gibt. Die erste Aktivitätsphase in den Morgenstunden und die Zweite in den späten Nachmittagsstunden. Dieser Rhythmus wird auch bei den Papageien in Menschenobhut beibehalten, wenn auch in etwas abgewandelter Form. Größter Unterschied zum Freiland ist die Dauer der Nahrungsaufnahme. Benötigen die Papageien in der Wildnis viele Stunden täglich, um ihren Hunger und Bedarf an Nahrung zu stillen, so ist dies in Menschenobhut eine ganz andere Situation.
 
Untersuchungen von Elmo et al. (2003) in den Zuchtgehegen der Zuchtstation des Loro Parque auf Teneriffa, kamen zu dem Ergebnis, dass sich Grosse Aras wie Hyazintharas (Anodorhynchus hyacinthinus), Kleine Soladtenaras (Ara militaris) und Hellrote Aras (Ara macao) im Schnitt täglich nur eine Stunde und 14 Minuten mit der Nahrungsaufnahme beschäftigen. Dies liegt in erster Linie daran, dass sich die Tiere die Nahrung nicht erarbeiten müssen, sondern dass ihnen diese täglich frisch präsentiert wird. Die Vögel müssen nur den Futternapf aufsuchen und können sich dann in kürzester Zeit satt fressen. Dies geschieht dann oft sogar in einem Übermaß, wenn die Nahrung nicht limitiert wird, so dass sich hier auch ein anderes Problem aufzeigt, das da heißt: übergewichtige fette Vögel.
 
Nimmt man einen 12-Stundentag als Grundlage und zieht die Zeit für die Nahrungsaufnahme ab, merkt man schnell,  dass  noch eine ganze Menge freie Zeit des Tages übrig bleibt. Ein weiterer Teil der Zeit wird für Gefiederpflege und Ruhephase verwendet, aber es bleibt ein erheblicher Teil des Tages  für unsere Papageien übrig, und hier sind nun die Halter der Tiere gefordert, den Vögeln Angebote an Beschäftigungsmöglichkeiten zu machen, damit die Tiere nicht wie leider allzu oft schon passiert, auf „dumme Gedanken“ kommen und beispielsweise aus lauter Langeweile mit dem Federrupfen beginnen.
 
Die allerbeste Möglichkeit Papageien zu beschäftigen ist es, ihnen die Möglichkeit zu Brut zu gestatten. Tiere die in Brutstimmung kommen, durchlaufen einen Zyklus der sie voll und ganz beschäftigt. Schon Wochen vor der ersten Eiablage wird gebalzt, kopuliert, gegenseitig das Gefieder geputzt usw., dann folgt die Brutphase in der bei den meisten Papageien das Weibchen allein beschäftigt ist (einige Ausnahmen, z. B. Bei den meisten Kakadus brüten beide Partner), allerdings heißt das nicht, dass das Männchen in dieser Zeit arbeitslos ist, denn nun ist er in den meisten Fällen derjenige, der das Weibchen mit Nahrung versorgt und das Nest von außen bewacht. Sobald die Jungen geschlüpft sind, fängt die Arbeit erst richtig an, denn nun hat zunächst der Vater, später beide Elternteile „Unmengen“ von Futter herbeizuschaffen, um die immer hungrigen Schnäbel der Jungtiere zu stopfen.
 
Nachdem die Jungvögel die Nisthöhle verlassen , haben die Eltern die Aufgabe den Jungen das Fressen zu zeigen und bewachen diese vor allen äußeren negativen Einflüssen. Je nach Art sind Papageien, die dem Brutgeschäft nachgehen bis zu einem halben Jahr, bei einigen großen Arten sogar noch einige Monate länger, mit der Aufzucht beschäftigt, ohne dass es den Tieren dabei in irgendeiner Weise langweilig wird. Solange es von Seiten der Elterntiere nicht zu Aggressionen gegenüber den Jungtieren kommt, kann man diese bis kurz vor Beginn der neuen Brutsaison in der Voliere belassen. Es gibt auch einige Arten wie beispielsweise Edelpapageien, Loris, Laufsittichen oder Feigenpapageien, bei denen die Elterntiere bereits wieder brüten und der Nachwuchs ohne Bedenken in der Voliere belassen werden kann. Anzeichen von Aggression sollten aber ernst genommen werden und die Jungtiere dann unverzüglich aus der Voliere entfernt werden.
Viele Papageien werden aber ohne das Ziel der Zucht gehalten . Diesen Tieren müssen andere Umweltreize geboten werden, damit die  Vögel nicht zu Problemtieren werden.
 
Ganz besonders wichtig ist die Beschäftigung von Einzelvögeln. Grundsätzlich ist hier nochmals zu erwähnen, dass die beste Beschäftigungsmöglichkeit für ein Einzeltier der artgleiche Partnervogel ist. Besteht aber nicht die Möglichkeit ein Tier zu vergesellschaften, ist bei zahmen Tieren in erster Linie der Halter selbst gefordert. Er stellt in den meisten Fällen eine Art Ersatzpartner für den Vogel dar. Zahme Papageien können sich sehr eng an einen bestimmten Menschen anschließen und lassen sich von ihm gerne das Gefieder kraulen, was bei einem „richtigen“ Papageienpaar der gegenseitigen Gefiederpflege nahe kommt.
 
Bei nicht handzahmen Tieren kann eine zu starke Beschäftigung des Menschen mit dem Tier bei diesem Angst und damit auch Stress auslösen, was wiederum eher negativ auszulegen wäre.
Neben der direkten Beschäftigung des Menschen mit dem Papagei, sollte dem Tier in seiner Behausung die Möglichkeit geschaffen werden, sich mit diversen Einrichtungsgegenständen zu beschäftigen. Dem Erfindungsreichtum der Pfleger sind hier kaum Grenzen gesetzt. Man kann hier unterschiedliche Spielgegenstände selbst basteln oder auf Fertigprodukte auf dem Heimtiermarkt zurückgreifen. Ein Blick dorthin lohnt sich allemal, auch wenn man sich nur Ideen zur Selbstanfertigung holt. Die Vielzahl unterschiedlicher Spielsachen für Papageien wächst ständig.
 
Besonders zu empfehlen sind Gegenstände, die aus natürlichen Materialien wie Holz gefertigt sind, da diese auch den Nagetrieb anregen und damit gleichzeitig der natürlichen Abnutzung des Schnabels förderlich sind. Allerdings zeigt die Erfahrung des Autors auch, dass besonders die bunten, mit knalligen Farben glänzenden Plastikspielzeuge gerne von Papageien akzeptiert werden. Wichtig ist in erster Linie, dass sich die Tiere nicht verletzen können und dass die verwendeten Materialien nicht giftig sind. Außerdem muss das Spielzeug von hoher Qualität sein, damit keine  Stücke  abgebissen werden und eventuell verschluckt werden können. (Plastik).
 
In der folgenden Auflistungen sollen einige Materialien bzw. Gegenstände, die sich zur Beschäftigung von Papageien eignen ohne jede Wertung aufgezählt werden. Je nach Papageienart werden  unterschiedliche Gegenstände bevorzugt.
 
  • Frische Naturäste unterschiedlichster Baumarten
  • Zapfen (z. B. von Tannen, Fichten, Kiefern usw.)
  • Morsche Baumstämme/Baumscheiben
  • Seile unterschiedlicher Stärke und Beschaffenheit (Sisal, Kokos, Baumwolle)
  • Schaukeln unterschiedlicher Bauart
  • Leitern
  • Ketten
  • Holzspielzeug unterschiedlicher Größe und Machart
  • Steine (Kiesel unterschiedlicher Größe)
  • Kleine Holzstückchen, die der Vogel in den Fuß nehmen kann
  • Rinden zum Benagen
  • Sitz- und Nagebretter
 
Eine weitere sehr effektive Beschäftigung der Papageien ist die regelmäßige Wasserdusche. Viele Papageien nutzen die Möglichkeit gerne aus, wenn sie regelmäßig geduscht werden. Sie genießen es in aller Ausgiebigkeit, die Wassertropfen in ihrem Gefieder aufzunehmen. Hat man bei einer Volierenhaltung eine Sprenkelanlage  angebracht, so hängen sich viele Vögel nach dem Einschalten des künstlichen Regens direkt ans Gitter und breiten ihre Flügel aus, fächern ihren Schwanz auf und lassen sich tropfnass regnen.
 
In der Wohnungshaltung haben sich Sprühflaschen für Pflanzen bewährt. Hat man mehrere Tiere, kann man auch so genannte Pumpsprühflaschen kaufen, in denen man durch vorheriges pumpen einen Druck in den Flaschen aufbaut und man dann das Wasser automatisch beim Betätigen des Auslösers herausgesprüht bekommt. Danach sind diese Tiere oft viele Stunden mit der Gefiederpflege, dem trocknen und dem Richten der Federn beschäftigt. Dies ist eine natürliche Beschäftigungsmöglichkeit, die gleichzeitig noch für einen schönen Gefiederglanz der Tiere sorgt. Die Häufigkeit der Duschen hängt natürlich auch von der Akzeptanz der Tiere ab. Nicht alle Vögel wollen täglich duschen. Aber zwei bis drei Mal kann man diese Aktion in der Woche schon durchführen.
 
Eine weitere Möglichkeit der Beschäftigung sind Badeschalen, die man den Tieren anbieten kann. Gerade von Sittichen wird diese Möglichkeit sehr gerne genutzt. Aus Sicherheitsgründen sollten sollte der Wasserstand nicht höher als zwei oder drei Zentimeter betragen, damit kleine Tiere nicht ertrinken können. Werden Badeschalen, die auf den Boden gestellt sind, nicht angenommen, kann man diese einmal erhöht auf einem Sockel stellen. Oft wird dann diese Möglichkeit eher genutzt.
Wichtig bei der Beschäftigung von Papageien ist es, immer wieder neue Beschäftigungsreize anzubieten, so kann man durchaus Spielsachen entfernen, mit denen sich das Tier nicht mehr beschäftigt und zu einem späteren Zeitpunkt wieder anbieten, um den Reiz des neuen wieder zu beleben.
 
Dipl.-Biologe Matthias Reinschmidt, Curator Loro Parque, Teneriffa, Spanien