Dr. Matthias Reinschmidt

Papageien, Tiere und ein Biologe

  
In der Haltung der Papageien kommt neben einer artgerechten Unterbringung der Ernährung die wichtigste Bedeutung zu. Das Futter hat nicht nur die Bedeutung ein Lebewesen am Leben zu erhalten, nein sie muss auch so ausgewogen sein, dass alle Bedürfnisse einer Art über ihren gesamten Lebenszyklus gedeckt sind. Deshalb ist es nicht damit getan, Tag aus Tag ein einfach eine bestimmte Körnermischung in den Napf zu geben und wenn diese weggefressen ist, durch neues Trockenfutter zu ersetzen. Einige robuste Papageienarten können zwar damit recht lange überleben, aber von einer optimalen Ernährung ist man mit dieser Methode weit entfernt.
 
Die Loro Parque Fundacion hält in seiner Papageienkollektion derzeit 350 verschiedene Papageienarten und –unterarten. Klar fressen diese nicht alle das gleiche. Schon optisch unterschieden sich diese Arten immens, denkt man in diesem Fall nur einmal an die größten Vertreter der Familie, die Aras oder im Gegensatz dazu an die Kleinsten, die Sperlingspapageien. Bei diesem Beispiel wird sofort klar, dass die Nahrungsansprüche unterschiedlich sein müssen. Viele Spezialisationen in der Papageienwelt haben wieder andere Nahrungsansprüche zur Folge, beispielsweise die Loris, welche sich in der Natur meist auch Pollen und Nektar spezialisiert haben. Deshalb möchte ich mich in meinen Betrachtungen hier in erster Linie auf die häufig gehaltenen Gruppen der Aras, Kakadus, Amazonen, afrikanischen Papageien und Sittiche beschränken.
 
Die wichtigsten Punkte bei der Fütterung von Papageien sind neben einer ausgewogenen Ernährung, die Qualität und die Qantität, in der das Futter gereicht wird. Während für eine ausgewogene Ernährung nur Futtermittel verwendet werden sollten, die höchsten Qualitätsansprüchen genügen müssen, sollte man auch unbedingt die Frage nach der verabreichten Futtermenge beachten, denn genau hier werden in der Papageienernährung die meisten Fehler begangen. 
 
In Zusammenarbeit mit dem belgischen Futterhersteller Versele-Laga hat das Biologen- und Tierärzteteam des Loro Parque fünf verschiedene Grundfuttermischungen für unterschiedliche Papageiengruppen zusammengestellt. Diese Futtermischungen unterscheiden sich in der Zusammensetzung der verschiedenen Samen und ergeben somit einen unterschiedlichen Energiegehalt der Mischung. So beträgt der Energiegehalt pro 100g entschältes Futter:
 
Aramischung                  2.274,2 KJ
Afrikanermischung          1.936,2 KJ
Großsittichmischung       1.860,0 KJ
Kakadumischung            1.770,7 KJ
Amazonenmischung        1.747,0 KJ
 
Somit ergeben sich schon aus der Fütterung unterschiedlicher Mischungen heraus unterschiedlich hohe Energie-Einträge.
 
 
Wie hoch ist der tägliche Energiebedarf?
 
Der tägliche Energiebedarf eines Papageien hängt ganz entscheidend von verschiedenen „inneren“ und „äußeren“ Faktoren ab. So ist beispielsweise der physiologische Status des Tieres, die Umgebungstemperatur, die Besatzdichte des Käfigs und deren Größe, die Mobilität des Tieres sehr entscheidend für den Energieverbrauch.
 
Um in der täglichen Praxis eine Art durchschnittlichen Richtwert für die Futtermenge für Papageien (wie Kakadus, Aras, Amazonen oder Graupapageien) zu haben, hat sich die 5% Regel bewährt. Dabei werden etwa 5 % der Körpermasse der Papageien in Form einer Samenmischung gegeben. Beipiel: Wiegt eine optimal ernährte Blaustirnamazone 400 g, so erhält sie täglich etwa 20 g Trockenfuttermischung. Wiegt man sich einmal 20 g einer Trockenfuttermischung ab, so merkt man erst, wie wenig das eigentlich ist. Die meisten Halter geben viel zu viel Futter. Mit diesen 20 g Futter kann man den Tagesbedarf decken. Das heißt aber, dass die Amazone alle Samen der Mischung auffressen muss, um satt zu werden. Bestand diese Mischung aus der Amazonenmischung, hat sie dabei etwa 349,4 KJ Energie aufgenommen. Hätte man ihr nun die gleiche Menge der Aramischung gegeben, was sie mit Sicherheit noch lieber gefressen hätte, da diese Mischung fetthaltiger und damit wohlschmeckender ist, hätte sie mit der gleichen Menge an Futter 454,8 KJ Energie aufgenommen, was ein Unterschied von 105,4 KJ oder ein Mehr von 30,2 % an Energie wäre.
 
Der Leser wird nun sicherlich denken, dass ihm so etwas nicht passieren kann, da er seine Amazonen mit der energieärmeren Amazonenmischung und nicht mit der Aramischung füttert. Das mag wohl stimmen, aber nun muss er ganz genau auf die verabreichte Menge achten, denn wenn man beispielsweise zuviel Futter in den Futternapf gibt, wird die Amazone anfangen zu selektieren, sie wird nicht mehr jedes Korn fressen müssen, um satt zu werden, sondern wird sich zunächst einmal die fetthaltigeren und damit wohlschmeckenderen Samen heraussuchen, die anderen fettärmeren Samen bleiben liegen. Damit wird sich aber das aufgenommene Energieverhältniss verschieben. Zwar hat der Halter ein gutes Gewissen, da er die Diät-Amazonenfuttermischung gefüttert hat, da er aber zuviel Futter gibt, unterscheidet sich der Energiegehalt des wirklich aufgenommenen Futters kaum von dem einer energiehaltigeren Mischung.
 
Deshalb ist die Quantität des dargebotenen Futters ein ganz wichtiger Schlüssel in einer gesunden Ernährung unserer Papageien.
 
Ich möchte nun die bewährte Praxis der Fütterung im Loro Parque näher vorstellen. 
 
Grundsätzlich werden alle Papageien zweimal täglich gefüttert. Dabei erfolgt die erste Fütterung morgens um 8 Uhr und die zweite Fütterung nachmittags um 14 Uhr.
 
Die erste Fütterung, die den Tieren genau sechs Stunden zur Verfügung steht, ist eine Frischfutterfütterung, sie umfasst eine Obst- und Gemüse, je nach Jahreszeit. Das ganze Jahr sind in dieser Mischung Apfel, Birne und Karotten enthalten, die immer mit anderen Sorten ergänzt werden, so dass täglich eine Mischung aus 6 bis 8 unterschiedlichen Sorten von Obst und Gemüsen zur Verfügung stehen. Weitere verwendete Sorten sind: Orangen, Papaja, Banane, Trauben, Mango, Kiwi, Paprika, Zuchini, Salat, usw.
 
Während der Zuchtsaison, wird diesem Obst- und Gemüsesalat noch eine Kochfuttermischung (Parrot-Dinner von Versele-Laga) beigesetzt. Diese Samen, in erster Linine Hülsenfrüchte, sind durch den Kochvorgang weich und können deshalb von den Papageien schneller verdaut oder an die Jungen verfüttert werden. Außerdem erhalten alle Papageien, die Jungtiere aufziehen, täglich frischen milchreifen Mais, der auf Teneriffa ganzjährig in diesem Stadium zu haben ist. In mitteleuropäischen Klimaten, kann man den Mais in unreifem Stadium ernten und eingefrieren und dann je nach Bedarf verwenden. Es sollte aber nicht zuviel unreifer Mais gegeben werden, damit die Elterntiere ihre Jungen nicht nur damit aufziehen, was dann eine einseitige Ernährung wäre und zu Mangelzuständen führen könnte.
 
Einige große Papageienarten wie Aras oder Palmkakadus erhalten noch einige Nüsse, wie Palmnüssen, Kokosnüsse, Mandeln, Hasel-, Wal-, Macadamia- oder Pecanüsse.
 
Die zweite Fütterung erfolgt genau sechs Stunden nach der ersten, nämlich um 14 Uhr, da wir nicht das Risiko des Verderbs eingehen wollen, wird dann das Frischfutter wieder entfernt. Und durch eine der Papageienart entsprechend angepassten Trockenfuttermischung ersetzt. Diese bleibt, dann bis zur Fütterung am anderen Morgen im Gehege. Die Menge des Trockenfutters sollte nun so bemessen sein, dass sie möglichst am anderen Tag restlos aufgefressen ist (siehe Hinweise dazu weiter oben; 5%-Regel, das Frischfutter in der Morgenfütterung wird dabei bei uns nicht mitgerechnet).
 
Unsere großen Papageienarten erhalten nun noch einmal genauso wie morgens einige Nüsse. Einige Sitticharten wie Schmalschnabelsittiche (Brotogeris) oder Asiatische Königssittiche (Alisterus) erhalten zusätzlich zum Trockenfutter am Nachmittag nochmals ein Stück Apfel, Birne oder Orange.
 
Zusätzlich steht den Australischen Sittichen auch stets eine Eifuttermischung während der Brut- und Aufzuchtphase zur Verfügung. Wir haben bei einigen spezialisierten Arten einige weitere fütterungstechnische Anpassungen eingeführt, auf die nun einzeln einzugehen allerdings zu weit führen würde.
 
Dieser Artikel soll in erster Linie die generelle Fütterungstechnik in der Loro Parque Fundacion darstellen und damit die Halter und Züchter von Papageien zum nachdenken über ihre eigene Methode anregen. Wenn man erfolgreich Papageien hält und züchtet, die Alt- wie Jungtiere sich in bester körperlicher Kondition und Gefiederzustand befinden, dann gibt es keinen Grund die Methode zu verändern („never change a winning team“). Hat man aber Probleme in der Zucht oder im Gesundheitszustand der Tiere, dann sollte man zunächst als nahe liegenste Ursache die Ernährung seiner Tiere näher untersuchen und gegebenenfalls optimieren. Dazu stehen inzwischen zahlreiche Fachbücher zur Verfügung, die die Thematik Ernährung von Papageien und Sittichen bestens beleuchten und zahlreiche Tipps zur Verbesserung der Papageienernährung geben. Auch ein Gedankenaustausch in Vogelvereinen, bei Papageienausstellungen, Symposien, Tagungen oder Kongressen bringen einen interessierten Papageienfreund immer wieder auf neue Ideen. Diese dann einmal zuhause auszuprobieren kann oftmals dazu führen, dass plötzlich Probleme, die man jahrelang mit seinen Tieren hatte, verschwinden. Deshalb empfehle ich einfach Mut zum Handeln. Denn nur ein Halter der sich ständig weiterbildet und sich auch das Wissen über neue Erkenntnisse erwirbt, wird er seinen Tieren stets das Bestmögliche bieten können.

 

Dr. biol. anim. Matthias Reinschmidt, Curator Loro Parque, Teneriffa, Spanien

Literatur
 
Arndt, T. und M. Reinschmidt (2006): Amazonen, Arndt-Verlag, Bretten.
 
Künne, H.-J. (2000): Die Ernährung der Sittiche und Papageien. Bretten
 
Schnabl, H. (1998): Vogelfutterpflanzen. Bretten
 
Wolf, P. und J. Kamphues (1995): Zur Ernährung von Papageien, Fragen und Antworten. In. Jahrbuch für Papageienkunde II – Annual of parrot Biology. Westarp-Wissenschaftsverlag, Magdeburg, 143-162.
 
Würth, V. (2001): Obst, Gemüse und exotische Früchte für Papageien und Sittiche. Bretten.

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