Dr. Matthias Reinschmidt

Papageien, Tiere und ein Biologe

  
Im Rahmen einer Fernsehproduktion für den deutsch-französischen Fernsehsender ARTE über den in der Natur ausgestorbenen Spix-Ara (Cyanopsitta spixii), begleitete ich Anfang Dezember 2006, als Vertreter der Loro Parque Fundacion, ein Filmteam in die Caatinga nach Brasilien.
 
Die im nordöstlichen Brasilien ausgedehnte Caatinga, die mit etwa 700.000 qkm Fläche etwa die doppelte Größe von Deutschland hat, ist eine an Trockenheit angepasste Vegetationsform. Die hier lebenden Pflanzen haben Mechanismen entwickelt, um den Mangel an verfügbarem Wasser auszugleichen, denn 9 bis 10 Monate jährlich herrscht Trockenzeit und nur 2 bis 3 Monate im Jahr regnet es gelegentlich, aber auch dann fallen nicht mehr als 500 mm Niederschlag pro Jahr. Dennoch kann gibt es immer wieder Tage, an denen bis zu 100 mm Niederschlag pro 24 Stunden fallen, was sofort zu Überschwemmungen führt. 
 
Gerade als wir das Gebiet besuchen, war Regenzeit, dies bedeutet aber keinen Dauerregen, so wie wir das in Mitteleuropa von trüben Novembertagen her kennen, sondern wir hatten Glück, denn die Regenschauer kamen nur des nachts und sind meist nur regional und punktuell, das heißt wenn es an einem Ort in Strömen regnet, kann ein paar Kilometer weiter kein Tropfen fallen, dennoch hat man mit den Folgen am Tage ebenfalls zu kämpfen, denn nur wenige Straßen in der Caatinga sind asphaltiert und die Schotter-, Lehm- und Sandpisten sind oft mit riesigen Wasserlachen übersät, durch die man nur mit einem Allradbetriebenen Geländefahrzeug durchkommt. Auch wir hatten ein solches Fahrzeug, das allerdings Schwerstarbeit leisten musste, denn oft taten sich riesige Krater auf, durch die man nur mit Mühe durchkam.
 
Es gehört einiges an Offroad-Erfahrung dazu, sich hier zurecht zu finden und ich war froh, nicht am Steuer sitzen zu müssen. Dies hat die im Feld erfahrene Biologin Yara Barros übernommen, von der wir begleitet wurden. Sie ist Koordinatorin für das Projekt zur Erhaltung des Spix-Aras von IBAMA, der brasilianischen Naturschutzbehörde. Es gibt wohl kaum jemanden, der besser geeignet wäre, uns an all jene Orte zu bringen, an denen der letzte Spix-Ara lebte als Yara Barros, denn sie war über viele Jahre die Feldbiologin, die in der Caatinga lebte und zusammen mit ihren Feldhütern den Spix-Ara, sein Verhalten und seine Lebensweise studierte und dokumentierte, bis er schließlich im Oktober 2000 zum letzten Male gesehen wurde.     
 
Wir trafen uns schon in Sao Paulo, wo wir gemeinsam die beiden Haltungen von Spix-Aras und Lear-Aras (Anodorhynchus leari), im Zoo von Sao Paulo und in der Lymington Foundacion besuchten. Ein weiterer Abstecher brachte und zur Universität Sao Paulo, wo wir am biologischen Institut die Genetikerin Cristina Miyaki, trafen, die die Verwandschaftverhältnisse der Spix- und Lear-Aras in Menschenobhut anhand von DNA-Untersuchungen erforscht.
 
Ein Inlandsflug brachte uns von Sao Paulo über Recife direkt nach Petrolina, eine Stadt mit einem kleinen Flughafen, der mitten in der Caatinga liegt. Von hier aus führt uns die erste Fahrt nach Curacá, diese kleine Stadt liegt dem ehemaligen Verbreitungsgebiet des Spix-Aras am nächsten und diente auch als Stützpunkt für das Spix-Araprojekt, das von hier aus koordiniert wurde. Die ganze Gemeinde war involviert, das merkt man ganz besonders, wenn man mit Yara Barros in der Stadt auftaucht. Yara wird sofort von vielen Menschen wieder erkannt und freundlich begrüßt und umarmt, obwohl das Projekt, nach dem Verschwinden des letzten Spix-Aras im Jahre 2000 und nach einigen weiteren erfolglosen Suchaktionen im Jahre 2002 für beendet erklärt wurde und der IBAMA-Stützpunkt in Curacá aufgegeben wurde. Danach wechselte Yara Barros in die brasilianischen Hauptstadt Brasilia zum IBAMA-Sitz.
 
Um die Menschen vor Ort direkt am Projekt partizipieren zu lassen, wurde das über 100 Jahre alte und fast total zerstörte Theater, mit finanzieller Unterstützung der Loro Parque Fundacion komplett restauriert und wieder in Betrieb genommen. Vor fast genau 10 Jahren war es dann mit großen Feierlichkeiten in Betrieb genommen worden. Workshops für Kinder und Erwachsene über Naturschutz wurden darin abgehalten, aber auch Feste und Theateraufführungen. Nach Abzug des Projektes in 2002 fühlte sich niemand mehr verantwortlich. So fanden wir leider ein Theater vor, das zwar von der Bausubstanz her noch gut in Schuss ist, das aber dringend einer erneuten Renovierung, bedarf.
In erster Linie muss es außen wie innen neu gestrichen werden, um im alten Glanz neu erstahlen zu können. Es ist schon erstaunlich wie schnell etwas gut funktionierendes zerstört werden kann, wenn es keine Aufsicht mehr gibt. Wir sprachen mit einem Vertreter der Theaterbetreiber und boten ihm an, dass die Loro Parque Fundacion nochmals die Kosten für die Farbe übernehmen wird, wenn auf der anderen Seite Freiwillige gefunden werden, die die Malerarbeit übernehmen. Die angebotene Hilfe wurde dankbar angenommen und versprochen, das man das Theater wieder in Gemeinschaftsarbeit zu altem Glanz erstahlen lassen will. Dabei soll das Theater von außen, wie vor zehn Jahren schon einmal einen blauen Anstrich in der Farbe der Spix-Aras erhalten.     
 
Ein weiterer Besuch führte und in die kleine Schule „Escola Azul“, die mitten in der Caatinga liegt und in der Kinder aus weit verstreut liegenden Gegenden unterrichtet werden, für die der Weg in dem nur schwer zugänglichen Gebiet in die kleine Stadt Curacá viel zu weit wäre. Diese Schule, in der heute noch über 20 Kinder unterrichtet werden, deutet auch heute noch auf das Spix-Ara-Projekt hin. Nicht nur, dass es im Klassenraum zahlreiche Poster, Fotos und Bilder des Spix-Aras gibt, sondern auch der Schulname deutlich den Bezug zum Spix-Ara sucht.
Wurden bei ihrer Eröffnung noch Kinder unterrichtet, die den Spix-Ara aus eigener Erfahrung kennenlernen konnten, sind die heutigen Schüler zu jung, um sich noch an den letzten kleinen blauen Ara in ihrer Heimat zu erinnern. Als Gastgeschenk konnte ich an die Schüler kleine Spix-Ara-Pins, das Logo der loro Parque Fundacion, austeilen, die großen Anklang fanden und sofort angesteckt wurden. Wenn man auch mit der Technik eines Pin-Ansteckers noch nicht vertraut war, klappte es aber doch rasch, nachdem ich es vorgeführt hatte.

Man kann sich als Mitteleuropäer nur sehr schwer die ärmlichen und einfachen Verhältnisse vorstellen, in denen die Menschen hier leben und in denen die Kinder aufwachsen. So brachte das Spix-Ara-Projekt für einige Familienväter ein bescheidenes Einkommen, die als Wildhüter und Feldguids arbeiten konnten. Etwas mehr als 100 Euro pro Monat zu verdienen, brachte schon einen bescheidenen Wohlstand in die Familien, denn es gibt nicht viele Arbeitsplätze hier in der Caatinga.
 
In der Schule trafen wir auch auf 49 jährigen Jorge Rosa, einem Zeitzeugen der besonderen Art, denn sein Großvater nahm ihn früher als Kind mit in die Caatinga und dabei zeigte ihm dieser einen Schwarm Spix-Aras, der noch 10 Tiere umfasste. Jorge Rosa war es auch, der den Schweizer Wissenschaftler Paul Roth an den Melancia-Creek brachte, um ihm die letzten drei Spix-Aras zu zeigen, die Roth daraufhin auf ein oft veröffentlichtes historisches Foto bannte.
 
Die Caatinga besteht in erster Linie aus kleinwüchsigen Büschen, die selten höher als 10 Meter herrausragen. Einzelne Kakteen unterbrechen, den vor allem aus den beiden Hauptnahrungspflanzen für die Spix-Aras bestehenden Bewuchs, die Pinhao (Jatropha mollissima) und die Favela (Cnidosculus phyllacanthus).
Nur an den als Creeks bezeichneten nur in der Regenzeit Wasser führenden Flussläufen findet man höhere Bäume. Hier wachsen in erster Linie die für die Spix-Aras wichtigen Caraibeira-Bäume (Tabebuia caraiba), die tiefe Wurzeln haben, und so die Trockenzeit gut überstehen. Nur direkt an den die Caatinga durchziehenden zahlreichen Creeks sind diese Bäume zu finden, die die Spix-Aras frührer als Nahrungs- vor allem aber als Nistbaum verwendeten. Yara Barros lies während ihrer aktiven Zeit in der Caatinga, von ihren Feldguides alle großen Caraibeira-Bäume an den Creeks erfassen und kam auf über 500 dieser eindrucksvollen Gewächse, die insgesamt über 1.000 Nisthöhlen aufwiesen. Natürlich nutzen nicht nur die Spix-Aras diese Nesthöhlen, sondern auch die im gleichen Lebensraum vorkommenden Rotrückenars (Ara maracana), Wildbienen, Schlangen und gelegentlich auch Kleine Ameisenbären.  
 
Jorge Rosa führte uns nun an genau den Baum, an dem 1986 das Roth’sche Foto entstand. Die eindrucksvollen Caraibeira-Bäume müssen wohl ein sehr hohes Alter haben, denn Jorge wies uns an zwei Nisthöhlen auf Spuren hin, die in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden. Damals hatten Wilderer etwa 50 cm unterhalb des Einflugloches der Nisthöhle mit einer Machete jeweils ein Loch in den Baum geschlagen, um an die Nestlinge der Spix-Aras zu gelangen, damit sie diese auf dem illegalen Markt verkaufen konnten. Diese Wunden, die den Bäumen dabei zugeführt wurden sind heute nach fast 30 Jahren noch so zu sehen, als wären sie erst vor kurzem geschlagen worden, sind kaum verwachsen. Deshalb spekuliere ich, dass viele der hohen Caraibeira-Bäume bereits mehrere hundert Jahre alt sein mögen und nur ein sehr langsames Wachstum aufweisen.    
 
Das Leben des letzten verbliebenen Spix-Aras, der ab dem Jahr 1990 bis Oktober 2000 als einzig bekannter Vertreter seiner Art in der Natur verblieben war, nachdem die beiden anderen Artgenossen, die Roth noch fotografiert hatte, auch noch von Wilderen weggefangen worden waren, wurde durch Freiland-Biologen und deren Helfer genauestens erfasst. Zunächst war Marcos Da-Ré der Verantwortliche, bevor er im Jahr 1996 von Yara Barros abgelöst wurde. In Ermangelung eines artgleichen Partners schloss sich der letzte Spix-Ara einer fremden Art an. Ein Rotrückenara-Weibchen (Primolius maracana) wurde ihm zu Partnerin. Er verpaarte sich fest mit ihr und brütete regelmäßig mit seiner Partnerin. Yara Barros zeigte uns verschiedene Nestbäume, in denen das ungleiche Paar gebrütet hatte. Zwar konnten auch befruchtete Eier des heterospezifischen Paares festgestellt werden, allerdings kamen diese niemals zum Schlupf. Jedes Jahr versuchte das Paar aufs neue zu brüten, so wurde von Yara Barros versucht die Elterntauglichkeit des Paares dadurch zu testen, dass sie die gelegten Eier des Paares entnahm und durch Holzeier gleicher Größe ersetzte. Auch die künstliche Erbrütung der Eier des Hybridpaares erbrachte keinen Erfolg, sie starben frühzeitig ab. Während der Brutzeit wurden die Eier befruchtete Eier von Rotrückenaras ersetzt, die aus anderen Bruthöhlen im Freiland entnommen worden waren. Diese Tauschaktionen wurde in drei hintereinander durchgeführten Brutversuchen des ungleichen Paares in den Jahren 1996 bis 1998 vorgenommen, immer als das Rotrückenara-Weibchen die Nisthöhle verlassen hatte. Bei der späteren Nestkontrolle durch die Biologin waren entweder die Eier verschwunden, oder einmal wurde ein Jungtier ein paar Tage nach dem erfolgreichen Schlupf bei einer Nestkontrolle tot aufgefunden.
Genaue Ursachen für die Fehlversuche konnten leider nicht festgestellt werden. Nach diesen Misserfolgen verließ das Paar den mehrere Jahre genutzten Nestbaum und zog entlang des Melancia-Creeks weiter, um etwa drei Kilometer weiter stromabwärts einen neuen Nestbaum zu beziehen. Durch den Misserfolg nicht entmutigt wiederholte Yara Barros im Folgejahr das gleiche Experiment nochmals.

Dieses Mal sollte es anders kommen. Als das Weibchen nach einer Brutpause zurückkam, fand es anstatt ihrer eigenen Eier die ausgetauschten Holzeier in gleicher Größe vor, dies störte sie nicht weiter und das Brutgeschäft wurde normal fortgesetzt. Nach der regulären Brutzeit wurden die Holzeier durch zwei 2 und 3 Tage alte junge Rotrückenaras ersetzt. Mit Spannung beobachtete das Feldforschungsteam um Yara Barros die Reaktion der Tiere und diese war zunächst Besorgnis erregend, da das Weibchen sehr nervös reagierte. Überrascht durch die plötzlich vorhandenen Jungtiere verlies es sofort wieder die Nisthöhle, nachdem es zuvor erst zurückgekehrt war. Kurz darauf schlüpfte sie wieder rein, dieser Vorgang wiederholte sich ständig, das Weibchen brütete nicht mehr wie zuvor. Eine Kontrolle am Folgetag lies jedoch alle Zweifel verfliegen, denn die Jungtiere waren gut gefüttert. Zur Kontrolle, der Nesthöhle war, eine Kontrollöffnung etwa einen Meter unterhalb des Höhleneingangs geschlagen worden. Dies geschah natürlich schon vor der Eiablage.

Die Öffnung wurde aber wieder mit einem Holzpfropfen so dicht verschlossen, damit kein Licht eindringen konnte. Nun waren Kontrollen ohne große Störungen immer dann möglich, wenn sich die Eltern nicht im Nest befanden. Eine Messung der Temperatur in der Höhle erbrachte 36 °C, eine Temperatur, welche ein zusätzliches Wärmen des Weibchens nicht erforderlich macht. Die Aufzucht der Jungtiere verlief problemlos und nach 54 Tagen verließen die beiden Jungtiere die Nisthöhle und blieben noch mindestens weitere 11 Tage mit den Eltern zusammen im Brutgebiet, bevor sie sich dem wilden Schwarm anschlossen. Damit hatte das ungleiche Paar seine Elternfähigkeit unter Beweis gestellt.
Der nächste Schritt wäre nun das Unterlegen von Spix-Ara-Jungtieren gewesen, aber leider kam es nicht mehr dazu, da das Spix-Aramännchen im Oktober 2000 für immer verschwand.
 
Die Caatinga, hat insgesamt sieben Papageienarten aufzuweisen, von denen drei Arten endemisch, d. h. nur in der Caatinga vorkommen. Neben dem ausgestorbenen Spix-Ara lebt mit dem Lear-Ara (Anodorhynchus leari) eine weitere endemische Ara-Art in dem trockenen Land, etwa 200 km vom ehemalig bekannten Verbreitungsgebiet des Spix-Aras entfernt. Zwar wurde der Lear-Ara schon im Jahre 1856 als eigene Art erkannt und in die Wissenschaft eingeführt, allerdings wusste niemand wo er überhaupt lebte. Das Typusexemplar zur Erstbeschreibung stammte aus dem Vogelhandel. Immer wieder waren diese Tiere auf dem Vogelmarkt aufgetaucht, zwar nie häufig, aber dennoch gelegentlich, allerdings konnte niemand sagen woher sie kamen.

Der deutsche Ornithologe Prof. Helmut Sick hatte es ich zur Lebensaufgabe gemacht, das Verbreitungsgebiet des Lear-Aras zu finden. Mehrere Expeditionen durch Brasilien blieben allerdings erfolglos, bis er auf den Vater von Eurivaldo Macedo Alves stieß, der ihm sagte, dass diese großen blauen Aras seit einigen Jahren auf eine ihm bekannte Facienda kommen, um dort zu fressen. Sick brach erneut auf, um die Aras zu finden und tatsächlich am 31.12.1978 konnte Sick, damals schon über siebzig Jahre alt, die ersten Lear-Aras im Freiland beobachten. Ein Lebenstraum hatte sich erfüllt und ein Geheimnis war gelüftet. Damals führte Eurivaldo zusammen mit seinem Vater Prof. Sick auch zu den Felsenkliffs in der Nähe von Canudos, dort hatte der Vater schon zehn Jahre zuvor entdeckt, dass sich die Lear-Aras gegen Abend einfinden, um in den mächtigen Steinhöhlen zu übernachten.
Gleichzeitig werden diese Stellen auch als Brutstätten genutzt, denn die Felsen sind mit tiefen Canyons durchzogen, so dass es viele Möglichkeiten für Bruthöhlen gibt, die bis zu acht Meter in die Tiefe der Felswände reichen. Bäume mit Bruthöhlen, die für die Lear-Aras geeignet wären, existieren in der Caatinga einfach nicht, so ist die Nutzung der Felsenhöhlen eine Anpassung an die Umgebung, und als das konsequente Nutzen einer ökologischen Nische zu werten.
 
Heute ist Eurivaldo zusammen mit seinem Bruder von der brasilianischen Naturschutzorganisation Biodiversitas als Feldguide für den Schutz der Lear-Ara-Population rund um Canudos angestellt. Täglich kann man die beiden Brüder, die damit auch einen Teil des „Erbes“ ihres Vaters weiterbewahren, in den Felsenkliffs auf Erkundungs- und Überwachungstouren sehen. Sie registrieren dabei nicht nur die Anzahl der gesichteten Vögel, sie stellen durch ihre Überwachung auch einen Schutz dar, denn nach wie vor werden gelegentlich Lear-Ara-Küken illegal aus den Nestern genommen. Und auch Eurivaldo hat schon zwei illegale Nesträuber festgenommen und der Polizei übergeben.
Es ist beeindruckend diese Zeitzeugen kennen zulernen, mit ihnen, 28 Jahre nachdem Prof. Sick die Art für die Wissenschaft im Freiland entdeckt hat, zusammen die Felsenkliffs zu besteigen und genau dort hingeführt zu werden wo sich die Lear-Aras zur Nachruhe einfinden sollen. Die rötlichen Sandsteinfelsen stellen ein so unglaubliches Szenario dar, das es fast unwahrscheinlich anmutet. Ich habe schon viele schön Plätze auf dieser Welt gesehen, aber die Felsenkliffs von Canudos gehören für mich zu den eindrucksvollsten Naturereignissen, die ich je bewundern durfte.
 
Noch vor wenigen Jahren wurde der Bestand der Lear-Aras zwischen 100 und 200 Tieren angegeben. Heute hat sich der Bestand, auch Dank des konsequenten Schutzes wieder auf etwa 600 Tieren erholt. Neben des Felsenkliffs in Canudos sind inzwischen eine weitere Klifflandschaft bei Jeremojaba bekannt, in denen Lear-Aras übernachten und brüten, dabei handelt es sich aber nicht um eine zweite Population, sondern Yara Barros erklärt, dass es nur eine Population gibt, die sich einfach auf zwei Bereiche aufteilt. Je nach Jahreszeit kommen mal mehr, mal weniger Tiere um im jeweiligen Felsenkliff zu übernachten, die Population ist in ständigem Austausch und Kontakt.

Wir hatten Glück gegen fünf Uhr nachmittags hört man plötzlich aus einiger Entfernung die ersten Araschreie. Ein erstes Lear-Ara-Paar läst sich blicken und fliegt in etwa 20 Meter Höhe über uns hinweg. Wir hatten uns so positioniert, dass wir die Vögel nicht an ihrem Einflug in die Canyons stören, wo sie ihre Schlafhöhlen aufsuchen wollen. Eurivaldo erklärt uns, dass eine Irritation der Tiere das Einfliegen verhindert. Das wollen wir auf keinen Fall. Wir werden aber für unser Warten entlohnt. Nachdem die ersten Lear-Aras paarweise eingetroffen waren, werden es nun immer mehr. Ein beeindruckendes Schauspiel. Ich bin so überwältigt, dass ich meinen Fotoapparat kaum ruhig halten kann. Das Schauspiel auf Video aufzunehmen gebe ich schnell auf, da wir ja einen professionellen TV-Kameramann dabei haben, der sowieso sehr viel bessere Aufnahmen machen kann. Ich entschließe mich, ob des überwältigenden Augenblickes den Fotoapparat und die Videokamera beiseite zu legen und das Schauspiel einfach nur zu genießen.

Es kommen ständig mehr Tiere, die beginnen mit lautem Geschrei über uns zu kreisen. Zeitweilig kann ich achtzig Lear-Aras zählen. Ich finde nicht die Worte, um die Gemütsbewegungen zu beschreiben, die ich erlebe. Vor Freude und Dankbarkeit dies erleben zu dürfen werden meine Augen ganz feucht. Die Dämmerung bricht immer stärker herein und die eintreffenden Lear-Aras werden weniger, bis sie schließlich alle in ihren Höhlen verschwunden sind. Eurivaldo hat am Ende 120 Tiere gezählt. Welch ein Erlebnis! Da es inzwischen ganz dunkel geworden ist, müssen wir den Rückweg mit Taschenlampen antreten. Es wäre unmöglich in diesem Gebiet sich ohne ortskundigen Führer zurechtzufinden. Gut das dies so ist, denn dies ist gleichzeitig auch ein guter Schutz für die Lear-Aras.
 
Der derzeitige Bestand an Lear-Aras im Internationalen Zuchtbuch beträgt 43 Tiere, die allermeisten davon wurden in den letzten 10 Jahren aus illegalen Haltungen, bzw. bei Schmuggelversuchen beschlagnahmt. Nach wie vor gibt es skrupellose Papageienhalter, die Unsummen von Geld ausgeben, um in den Besitz, dieser seltenen Spezies zu kommen. Wir sollten in erster Linie uns für den Schutz dieser Papageienart einsetzen und versuchen die Lebensbedingungen der Tiere zu verbessern, damit es nicht soweit kommt, wie beim Spix-Ara. Wie Freilanduntersuchungen zeigen ernährt sich der Lear-Ara hauptsächlich von den Nüssen der Licuri-Palmen. Diese gilt es zu erhalten. Des weiteren kommt es immer wieder zu Konflikten mit den Bauern, wenn die Lear-Aras in Maisfelder einfallen und sich dort an den Kolben gütlich tun. Öfters greifen die Bauern zum Gewehr und töten zur Abschreckung Vögel, oder verletzen sie. So gibt es mehrere Lear-Aras im Zoo von Rio de Janeiro, denen entweder ein Fuß oder ein Flügel fehlt. Hier müssen Entschädigungsregelungen getroffen werden, die es den Bauern erlauben, auch ein gewisses Maß ihrer Ernte mit den Lear-Aras zu teilen.
 
Lear-Aras haben einen großen Bereich, den sie täglich befliegen. So sind die Fressplätze nicht in unmittelbarer Nähe zu den Schlafplätzen. Beispielsweise müssen die Aras, die im Morgengrauen aus ihren Felshöhlen kommen und auf Nahrungssuche gehen mindestens 30 km fliegen, bevor sie auf die erste Licuri-Palme treffen, die in unmittelbarer Nähe zu ihren Schlafplätzen gar nicht wachsen. Ein Lear-Ara legt am Tag dabei Strecken bis über 100 km zurück, bevor sie sich abends wieder zum Schlafen in den Felsenkliffs einfinden. Damit möchte ich aufzeigen, dass es nicht ausreicht, die Schlaf- und Brutplätze einer Art zu schützen. Man muss sich auch intensiv mit den Fressgewohnheiten und den Verhaltensweisen der Art auseinandersetzen, um sinnvollen Artenschutz betreiben zu können. Um diese Vorhaben weiter voranzutreiben wird sich auch die Loro Parque Fundacion künftig finanziell für den Lear-Ara einsetzen und damit helfen die Grundlage für das Überleben der Art auch langfristig zu sichern.
  
Im Gegensatz zu den beiden blauen Ara-Arten ist die dritte endemische Papageienart der Caatinga, der Kaktussittich (Aratinga cactorum) sehr häufig anzutreffen. Und oft genug beim Befahren der Offroadstrecken mit dem Geländefahrzeug schon aus dem offenen Fenster zu hören und zu sehen. Alle weiteren Papageienarten kommen zwar auch in der Caatinga vor, ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich aber auch darüber hinaus. So ist der Blaustirnsittich (Aratinga acuticaudata) sowohl in der offenen Caatinga als auch in den Felsencliffs zusammen mit den Lear-Aras zu entdecken. Wir haben ihn dabei beobachtet, wie er sich an den Büschen der Favela gütlich tut und somit die gleiche Nahrungspflanze nutzt, wie sie auch für den Spix-Ara beschrieben wird.
 
Die kleinste Papageienart der Blauflügel-Sperlingspapagei (Forpus xanthopterygius) konnten wir zwar deutlich mehrere Male hören, aber leider nicht sehen. Yara Barros bestätigt aber das diese kleinen gut getarnten Papageichen häufig vorkommen, aber zu einer Beobachtung man Geduld und Zeit brauche, die wir so einfach für diese Papageienart nicht hatten.
 
Die Blaustirnamazone (Amazona aestiva) wird ebenfalls regelmäßig in der Caatinga angetroffen, auch sie bevorzugt, wie die Spix-Aras die hohen Bäume, um darin zu übernachten und in den Höhlen zu brüten. Diese Papageienart wird auch öfters von den Einheimischen gehalten, die ihnen gerne das Sprechen beibringen. Während einige Tiere mit gestutzten Flügel frei am Haus, oder in einem angrenzenden Baum gehalten wurden, konnten wir auch eine weniger erfreuliche Haltungsmethode entdecken, bei der die Amazonen am Fuß an einer etwa 30 cm langen Kette befestigt waren. Während eine Amazone noch ein gutes Gefieder hatte, war das zweite Tier schon zum totalen Rupfer geworden, das sich sämtliche Schwung- und Schwanzfedern abgebissen hatte. Regelmäßig kann man in der Caatinga in der Nähe der Creeks aus den hohen Bäumen die arttypischen Amazonenschreie hören, wenn es auch oft schwer fällt die grünen Amazonen dann im Blättergewirr der Bäume auch zu erkennen.
 
Die siebte Papageienart die die Caatinga bewohnt, bringt uns wieder direkt zurück in den ehemaligen Lebensraum der Spix-Ara. Denn der Rotrückenara teilt sich genau diesen exakt mit dem Spix-Ara. So war es wohl auch nicht ganz verwunderlich, dass sich gerade das letzte Spix-Aramännchen ein Weibchen dieser Art als Partner ausgewählt hatte. Ein weiterer Zeitzeuge Antonio Marcal Dos Santos lebt in Curacá. Regelmäßig kommt der jedoch auf eine große Farm, die direkt am Melancia-Creek liegt. Hier schaut er für den nicht in der Gegend lebenden Besitzer der Farm nach dem rechten. In einem kleinen Häuschen hat sich, der auch als Künstler und Gedichteschreiber wirkende Antonio, ein kleines Arbeitszimmer eingerichtet und alle seine Kunst wendet sich an den Spix-Ara. So schnitzt er kleine Holz-Spix-Aras, malt Szenen aus dem Alltagsleben der Vögel und schreibt Gedichte dazu. Seit 22 Jahren verrichtet der 54jährige so seine tägliche Arbeit. Nur wenige hundert Meter hinter dem Farmhaus stehen die hohen Caraibeira-Bäume des Melancia-Crick und Antonio konnte fast täglich den letzten Spix-Ara sehen. Besonders abends war die Szenerie eindruckvoll. Das ungleiche Paar kam angeflogen und setzte sich auf am weitesten aufragenden Äste des höchsten Caraibeira-Baumes. Von dort aus verabschiedete sich das Rotrückenara-Weibchen, um in der Nisthöhle zu übernachten. Das Spix-Ara-Männchen jedoch begleitete sein Weibchen nicht in die Höhle, es flog in die Caatinga hinaus, um dort Spix-Ara-üblich auf den höchsten Kakteen, den Facheiro-Kakteen (Pilosocereus sp.) Platz zu nehmen und dort die Nacht zu verbringen. Am Morgen jedoch kam es stets zurück und holte das Rotrückenara-Weibchen ab, um gemeinsam auf Nahrungssuche zu gehen. Auch die Rotrückenaras fressen etliche gleiche Nahrungsbestandteile, wie sie auch von den Spix-Aras bevorzugt werden, so dass es hier wohl nicht zu solch unterschiedlichen Verhaltensweisen kam. Antonio war auch der letzte der das Spix-Aramännchen letztmalig sah. Am 5. Oktober 2000 verabschiedete das Männchen letztmalig sein Weibchen in die Nisthöhle und flog selbst hinaus in die Caatinga und kehrte nicht mehr zurück.....
 
Die Caatinga ist durch den Verlust des Spix-Aras ärmer geworden. Das Habitat ist noch ausreichend vorhanden. Auf unserer Reise haben wir traumhaft schöne Caraibeira-Bäume an fast unberührt anmutentenden Creeks gesehen. Wir haben die Rotrückenaras gehen, die noch in ausreichender Zahl das Habitat bewohnen. Ich selbst habe mir die Zeit genommen unter einem großen Caraibeira-Baum sitzendend die Landschaft, die Fauna und Flora tief auf mich wirken zu lassen. Wir haben die einmalige Chance den Verlust einer in der Natur ausgestorbenen Papageienart wieder wett zu machen. Wir haben noch etwa 70 Spix-Aras in Menschenobhut. Wir müssen alles in unserer Macht stehende tun, um den Spix-Ara wieder dort hinzubringen wo er einst war. Es darf aber nicht zu lange dauern. Die Menschen in der Caatinga kennen durch die vielen Kampagnen die Situation und Antonio sagt auf die Frage: was er sich für den Spix-Ara wünsche? Er müsse zurückkehren, aber bald. Sicherlich wird der Weg der Auswilderung nicht einfach werden. Standpunkte über den Zeitpunkt, den Ort, die Populationsgröße, die erreicht werden muss, die Methoden der Auswilderung sind sehr unterschiedlich. Zu all diesen Dingen gehen die Meinungen auseinander bei den Experten. Wichtig wird sein, dass die derzeitigen Spix-Arahalter zusammenarbeiten, auch wenn sie nicht immer der gleichen Meinung sind. Das Treffen zum ersten Spix-Ara-Workshop mit anschließender Tagung des Spixara-Kommitees hat bewiesen, das vieles möglich und manches machbar ist. Die Loro Parque Fundacion begleitet das Projekt zur Rettung des Spix-Aras schon seit Beginn als Mitbegründer. Im Laufe der letzten 18 Jahre hat die Loro Parque Fundacion mehr als 700.000 US-Dollar in das Projekt investiert. Und auch in Zukunft wird die Loro Parque Fundacion zu seinem Wort stehen, sich stets intensiv für die Rettung des Spix-Aras einzusetzen. Sicherlich wird es auch in Zukunft Rückschläge geben, aber wir müssen jetzt die Chancen nutzen, die sich uns bieten. Packen wir es an, der Natur das zurückzugeben, was wir ihr genommen haben, den Spix-Ara.
 
 
Nachtrag
 
Als wir auf dem Flughafen in Petrolina zusammen mit dem Fernsehteam gerade unser Gepäck einchecken, klingelt mein Handy. In der Leitung ist mein Kollege Rafael Zamora aus der Loro Parque Fundacion auf Teneriffa, der mir freudig berichtet, dass unser Zuchtpaar Spix-Aras nach einem Jahr Pause wieder ein Ei gelegt hat. Könnte es einen schöneren Abschluss für unsere Reise auf den Spuren des letzten Spix-Aras geben? Das macht Hoffung! Und wieder werden meine Augen feucht vor Freude, das ist für mich ein Zeichen, das es weitergeht!      
 

Dipl.-Biologe Matthias Reinschmidt, Curator Loro Parque, Teneriffa